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Stück
Calderóns Weltbild war letztlich ein mittelalterliches.
Die zentrale Frage des Lebens war: Wie kann ich
Gottes Willen erfüllen? Und nicht etwa: wie gebe ich meinem Leben einen Sinn? Das menschliche Leben ist nur wie ein Traum. Die einzige Realität des Lebens ist der Wille Gottes und die
kosmische, überirdische Ordnung. Wir Menschen haben diese anzuerkennen. Deshalb sind seine Figuren eigentlich nur Marionetten, die von Gottes Hand gelenkt werden. Dem Individuum ist nur
Entscheidungsfreiheit über sein inneres, nicht aber über sein äußeres Leben gegeben. Der Mensch hat die Wahl, den Versuchungen zu widerstehen oder ihnen zu erliegen.
Nur das ist seine Freiheit. Gott greift gnädig
ein. Nimmt der Mensch die Gnade an, wird er erlöst, wenn nicht – fällt er dem Nichts, dem Untergang anheim.
DAME KOBOLD war nur ein reines
Unterhaltungsstück für die höfische Gesellschaft gedacht. Es gehört zu den typischen Mantel- und Degenkomödien der Zeit nach dem Vorbild Lope de Vegas. Es ist schildert auf amüsante Art
das Leben und Treiben der Madrider Gesellschaft des 17. Jahrhunderts und hat in keiner Weise gesellschaftskritische Ambitionen.
Das Leben – nur ein Traum?
Warum spielt man ein Stück Weltliteratur, das
aufgrund seiner mittelalterlichen Denkart zeitgeschichtlich längst überholt ist?
Nun, allein schon deswegen, weil es eben ein
Stück Weltliteratur ist. Dass Calderóns Komödie DAME KOBOLD bis heute immer wieder gern gespielt wird, liegt vor allem in ihrer exzellent beschriebenen Situationskomik, ihrem
brillanten Wortwitz und an den größtenteils fein gezeichneten Figuren, vor allem der weiblichen.
Heutzutage erscheint uns natürlich auch der
Umgang mit den Begriffen Ehre und Religion in dieser Zeit eher komisch bis befremdlich. Dass Mann sich schon wegen der kleinsten Beleidigung zur Verteidigung seiner Ehre verpflichtet gefühlt
hat, sich mit seinem Kontrahenten auf Leben und Tod zu duellieren, die Ehre also höher einzustufen war als das Leben selbst, ist für uns heute nicht mehr nachvollziehbar.
Frauen hatten sich der Obhut und dem Schutz der
Männer – egal ob Vater oder Bruder oder Ehemann - zu unterwerfen. Rechte hatten sie so gut wie keine.
Und da war dann noch der liebe Gott, als oberste
Instanz einer vom Patriarchat beherrschten Hierarchie, die niemals hinterfragt werden durfte. Diese gottgewollte Hierarchie, deren weltlicher Repräsentant der König war, stellte die
unangreifbare und unverrückbare irdische und kosmische Ordnung dar - in der Welt, im Staat, in der Gesellschaft, im Verhältnis zwischen Mensch und Gott und selbstverständlich auch zwischen
Mann und Frau.
Es versteht sich von selbst, dass solche
unantastbare, in Stein gemeißelte hierarchische Strukturen zur Machterhaltung dienen und zu Unterdrückung führen. Wo es an wahren Werten fehlt, werden irgendwelche Pseudowerte zum
Heiligtum hochstilisiert, gegen die man niemals rebellieren darf. Dass sich solche Machtgefüge früher oder später ganz von selbst erledigen, beweist uns - nicht nur - die jüngste
Geschichte.
Es ist aber auch nicht zu bestreiten, dass sich
Individuen aus Angst und Unwissenheit ganz gerne einem streng geregelten Ordnungsprinzip unterwerfen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Deshalb fühlt er sich scheinbar im Strom der Irrenden
oft wohler, als ein isolierter, weil selbstbewusster Einzelkämpfer, der am rechten Weg ist. Auch das beweist uns die Geschichte.
Dass dabei auch Schreckgespenster eine Rolle
spielen können, ist verständlich, denn: wer den Teufel an die Wand malt, muss sich nicht wundern, wenn er ihm dadurch ein Stückchen Leben einhaucht.
Die Frauen in DAME KOBOLD nehmen ihr Schicksal
– entgegen aller Anstandsregeln - selbst in die Hand. Sie beweisen Zivilcourage. Sie überschreiten scheinbar unsichtbare Grenzen, dargestellt durch einen Glasschrank, der eine
Verbindungstür versteckt.
Dona Angela nimmt die ihr aufgezwungene Rolle
eines Kobolds an, um auf diese Weise an ihr Ziel zu kommen, was ihr als Mensch verwehrt geblieben wäre. Was ihr als Frau als unschicklich und moralisch verwerflich vorgeworfen worden wäre,
ist ihr als Gespenst, als Dämon wenigstens aus moralischer Sicht erlaubt. Und Angela geht noch einen Schritt weiter: sie gesteht dem Mann zuerst ihre Liebe. Damit beweist sie Mut und
ignoriert noch einmal das gewohnte Ordnungsprinzip.
Durch ihren „zivilen Ungehorsam“ öffnet sie
der Liebe die Tür und macht das Happy End für sich selbst und für ihren geliebten Manuel erst möglich.
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